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Nicht lange fa­ckeln! Naziaufmarsch in Demmin verhindern!

aus: http://demminnazifrei.blogsport.de/aufruf/

Am 8. Mai 2014 will die Neo­na­zi­sze­ne Meck­len­burg-​Vor­pom­merns zum ach­ten Mal in Dem­min auf­mar­schie­ren. Wie­der ein­mal wol­len sie ihre Sicht­wei­se der Ge­schich­te pro­pa­gie­ren, einen deut­schen Op­fer­my­thos kon­stru­ie­ren und die­sen ins Zen­trum des Ge­den­kens an die Ka­pi­tu­la­ti­on Deutsch­lands vor 69 Jah­ren rücken. So ver­su­chen sie, die Ge­schich­te zu re­la­ti­vie­ren und die Deut­schen von Schuld rein­zu­wa­schen.

Zur Ge­schich­te

Am 30. April 1945 rücken die 30. und 38. Pan­zer­bri­ga­de der 2. Weiß­rus­si­schen Front der Roten Armee in die Stadt Dem­min ein. Den so­wje­ti­schen Trup­pen schlägt dabei im Vor­feld Dem­m­ins Wi­der­stand ent­ge­gen, Ver­lus­te sind zu be­kla­gen. Die Klein­stadt an der Peene soll auf ihrem Weg nach Ros­tock möglichst zügig pas­siert wer­den, der Plan muss je­doch ver­wor­fen wer­den, da ab­zie­hen­de Wehr­machts­sol­da­ten sämt­li­che Brücken über Peene und Tol­len­se im Be­reich Dem­min ge­sprengt haben. Noch in der Nacht zum 1. Mai wird mit dem Bau von Be­helf­sübergängen be­gon­nen. Die bei­den Pan­zer­bri­ga­den rücken am 1. Mai über er­rich­te­te Fähren und Be­helfs­brücken ab, der nach­zie­hen­de Tross ver­bleibt noch bis zum 3. Mai in Dem­min. Während der An­we­sen­heit der so­wje­ti­schen Trup­pen in der Klein­stadt kommt es zu zahl­rei­chen Brand­stif­tun­gen, je­doch ist nicht geklärt, ob die Feuer durch Haus­be­sit­zer oder Rot­ar­mis­ten ge­legt oder durch Unfälle ver­ur­sacht wor­den sind. Darüber hin­aus sind Fälle von se­xua­li­sier­ter Ge­walt durch so­wje­ti­sche Sol­da­ten in Dem­min be­kannt. Nach An­ga­ben von Be­er­di­gungs­ver­zeich­nis und Ster­be­büchern ster­ben in den Tagen vom 30. April bis 3. Mai rund 500 Deut­sche in Dem­min durch Selbst­tötung bzw. Tötung durch An­gehörige. Be­son­ders häufig wer­den die Tötun­gen durch Ertränken in den Flüssen Peene und Tol­len­se vor­ge­nom­men.

Fan­ta­si­a­land

Im Ge­denk­jahr 1995 er­schien erst­mals eine Schrift, die sich näher mit den Er­eig­nis­sen zum Kriegs­en­de in Dem­min be­fasst. Der Autor Nor­bert Buske veröffent­lich­te die von der Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung in Meck­len­burg-​Vor­pom­mern her­aus­ge­ge­be­ne Schrift „Das Kriegs­en­de in Dem­min 1945. Be­rich­te, Er­in­ne­run­gen, Do­ku­men­te“. Die weit­ge­hend auf Erzählun­gen deut­scher Zeit­zeu­gen fu­ßen­de Schrift gibt mehr als ein­tau­send Opfer der Selbst­tötun­gen an und stellt die Ge­scheh­nis­se vor allem aus einer kon­stru­ier­ten deut­schen Op­fer­per­spek­ti­ve dar. Diese Dar­stel­lung wur­den von Me­di­en wie dem Stern oder dem NDR weit­ge­hend über­nom­men und beflügelte Kon­ser­va­ti­ve und vor allem Neo­na­zis dazu, Exkul­pa­ti­ons­be­mühun­gen vor­an­zu­trei­ben. Dar­un­ter ver­steht man die Bemühung, Ge­schich­te so zu erzählen, dass den Aus­gangs­punkt der Dar­stel­lung die In­sze­nie­rung der ei­ge­nen Opfer bil­det. Unter an­de­rem die 2005 me­di­al auf­ge­grif­fe­nen Dar­stel­lun­gen und Zah­len Bus­kes ani­mier­ten die Neo­na­zis dazu, im dar­auf fol­gen­den Jahr einen ers­ten „Trau­er­marsch“ mit „To­ten­ge­den­ken“ ab­zu­hal­ten. Auf den mitt­ler­wei­le jähr­lich statt­fin­den­den Märschen wird be­wusst die Vor­ge­schich­te der Vorfälle von Dem­min ver­schwie­gen. Der von den Deut­schen ent­fes­sel­te Welt­krieg und die Fol­gen des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­wahns in Eu­ro­pa wer­den be­wusst nicht the­ma­ti­siert. Mit kei­ner Silbe wird dies­be­züglich erwähnt, dass es die Deut­schen waren, die dem Auf­ruf ihrer Führung zum to­ta­len Krieg ju­belnd folg­ten und die Bevölke­rung So­wjet­russ­lands und an­de­rer Staa­ten ver­sklav­ten und er­mor­de­ten. Statt­des­sen be­ruft sich der selbst­er­nann­te „Na­tio­na­le Wi­der­stand“ dis­kur­siv heute wei­ter­hin be­wusst auf die schein­bar un­schul­di­ge „deut­sche Volks­ge­mein­schaft”, die vor allem Opfer „al­li­ier­ter Kriegs­ver­bre­chen“ wurde. Dabei ist auch der kon­stru­ier­te My­thos einer un­schul­di­gen Stadt Dem­min schlicht un­halt­bar. So er­reich­te die NSDAP bei den Reichs­tags­wah­len im März 1933 fast 54% der Wähler­stim­men. Während des Krie­ges wur­den Men­schen in Stadt und Re­gi­on zur Zwangs­ar­beit und „Ver­nich­tung durch Ar­beit“ ver­schleppt, Jüdin­nen und Juden aus Dem­min in die Ver­nich­tung de­por­tiert. Eben­falls ver­schwei­gen die Neo­na­zis heute die jah­re­lan­ge Pro­pa­gan­da und ras­sis­ti­sche In­dok­tri­na­ti­on, die ihre „Volks­ge­nos­sen“ da­mals der­art wohl­wol­lend auf­nah­men und wei­ter­ver­brei­te­ten, dass sie, so etwa in Dem­min, auch nach Ende der un­mit­tel­ba­ren Kriegs­hand­lun­gen in der Re­gi­on hun­der­te Men­schen zu Mördern mach­te und in den Selbst­mord trieb. Die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Mas­sen­psy­cho­se als Grund für das ir­ra­tio­na­le Han­deln der Bevölke­rung Dem­m­ins wird dabei heute von den Neo­na­zis pro­pa­gan­dis­tisch wohl­wol­lend aus­ge­klam­mert. Durch die be­wuss­te zeit­li­che Über­schnei­dung wird dem Tag der Be­frei­ung vom Na­tio­nal­so­zia­lis­mus durch die Al­li­ier­ten, dem in vie­len Tei­len der Welt auch heute noch mit Dank­bar­keit und Freu­de ge­dacht wird, die Le­gi­ti­mi­tät ab­er­kannt. Die Ge­schich­te ab­sicht­lich aus­blen­dend, wie­der­ho­len die Neo­na­zis an die­sem Tag damit genau das, was da­mals auch die Bevölke­rung Dem­m­ins in den Un­ter­gang trieb: na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ideo­lo­gie und Pro­pa­gan­da. Die Vorfälle in Dem­min im Frühjahr 1945 wer­den dabei als Ar­gu­ment be­nutzt, um aus dem Sieg über Hit­ler­deutsch­land eine il­le­gi­ti­me Be­sat­zung und Un­ter­jo­chung des „deut­schen Volkes“ zu ma­chen. Damit rei­hen sich die neuen Nazis di­rekt in die Tra­di­ti­on der alten ein und be­wei­sen so geis­ti­ge und prak­ti­sche Nähe zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus: Das her­auf­be­schwo­re­ne Volk wird unter Miss­ach­tung ge­schicht­li­cher Tat­sa­chen und Zu­sam­men­hänge zu einem Opfer sti­li­siert, um dar­aus eine Le­gi­ti­ma­ti­on für das ei­ge­ne Welt­bild und Han­deln zu zie­hen.

Kar­ne­val der Trau­er­klöße

Für die Neo­na­zi­sze­ne im Nord­os­ten ist die die jähr­li­che Ver­an­stal­tung in Dem­min neben sei­ner Öffent­lich­keits­wirk­sam­keit auch ein sze­nes­tärken­des Event. In An­be­tracht ei­ni­ger groß­ar­ti­ger Teil­er­fol­ge re­gio­na­ler an­ti­fa­schis­ti­scher In­ter­ven­tio­nen im Land, kommt die­sem Ele­ment des ge­schichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Auf­mar­sches zu­se­hends Be­deu­tung zu. In Dem­min ver­ge­wis­sert man sich ge­mein­sa­mer My­then und sti­li­siert sich zur Kampf­ge­mein­schaft gegen den Zeit­geist und die an­geb­li­che Ge­schichts­schrei­bung der „Be­sat­zer“ und „Sys­tem­me­di­en“. Fern von Zu­sam­men­hängen und Tat­sa­chen drückt sich das Ge­den­ken dann auch aus: Der „Trau­er­marsch“ wird von be­son­ders hund­säugig drein bli­cken­den “Ka­me­ra­den” in alt­deut­schem Flücht­lings­schick samt Bol­ler­wa­gen und Schmutz auf den Wan­gen an­ge­führt und vom thea­tra­li­schen Kranz­ab­wurf in die Peene ab­ge­run­det. Ver­ant­wort­lich für die­sen Kar­ne­val der Trau­er­klöße zeich­net sich der NPD-​Ab­ge­ord­ne­te Micha­el Giel­nik aus Stadt Use­dom, der gleich eine An­mel­dung bis 2017 ein­reich­te. Hin­ter dem Auf­marsch in Dem­min ste­cken damit, wie üblich in Meck­len­burg-​Vor­pom­mern, die NPD und ihre Kader. Doch auch die lo­ka­len Struk­tu­ren wer­den stets mit ein­ge­bun­den in das Trau­er­spiel. Ak­ti­vis­ten der „Ka­me­rad­schaft Land­kreis Dem­min“, wie bei­spiels­wei­se Marko Loh­mann ver­le­sen Re­de­bei­träge oder Ge­dich­te. Sie tra­gen das Front­trans­pa­rent und schau­en trau­rig aus der Wäsche, wenn NPD- Gran­den die Ge­schich­te nach na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schem Gutdünken umlügen und dem „deut­schen Volk“ die Tränen in die Augen trei­ben.

Lie­ber in Cham­pa­gner du­schen, als in der Peene schwim­men!

Das ge­lang ihnen im ver­gan­ge­nen Jahr al­ler­dings nur noch schwer­lich. Der ein oder an­de­re „Ka­me­rad“ konn­te beim po­li­zei­lich ab­ge­si­cher­ten Pas­sie­ren der Blo­cka­den kaum noch an sich hal­ten und die viel gerühmte Marsch­dis­zi­plin stand auf wack­li­gen Bei­nen. Al­ler­lei an­ti­fa­schis­ti­sche Ak­tio­nen am 8. Mai 2013 sorg­ten bei den Neo­na­zis nicht dafür, dass sich ihre Mie­nen auf­hell­ten. Für uns da­ge­gen gibt es kei­nen Grund am 8. Mai den Kopf hängen zu las­sen. Im Ge­gen­teil, ge­ra­de his­to­risch be­deut­sa­me Daten wie der Tag der Ka­pi­tu­la­ti­on Na­zi­deutsch­lands und ge­schicht­lich mar­kan­te Vorgänge wie die Selbst­tötun­gen von Dem­min sind es, die uns dazu ver­an­las­sen, eine klare an­ti­fa­schis­ti­sche Deu­tung der Ge­schich­te ein­zu­for­dern. Wir wol­len, dass die Schul­di­gen von Ver­nich­tungs­krieg und Mas­sen­mord klar be­nannt wer­den und an die Opfer deut­schen Wahns er­in­nert wird. Wie ver­weh­ren uns einer Täter-​Op­fer-​Um­kehr, wie sie die Neo­na­zis stets pro­pa­gie­ren und ver­wei­gern uns der Ge­schichts­ver­gess­lich­keit, die den eli­mi­na­to­ri­schen An­ti­se­mi­tis­mus, den fa­na­ti­schen Ras­sis­mus und den mörde­ri­schen Er­obe­rungs­wahn Deutsch­lands als Grund für den Zwei­ten Welt­krieg ver­schweigt. Ge­nau­so geben wir uns un­ver­söhn­lich mit den von Prot­ago­nis­t_in­nen aus Me­di­en und Po­li­tik an­ge­scho­be­nen Ver­su­chen, die Schuld am Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und sei­nen Gräueln ei­ni­gen We­ni­gen zu­zu­schie­ben und die Mit­schuld wei­ter Teile der Deut­schen am Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu un­ter­schla­gen. Die Zeit­zeu­g_in­nen, die Er­in­ne­rung wach hal­ten können, wer­den we­ni­ger. Damit steigt gleich­zei­tig die Chan­ce der Ge­schichts­re­vi­sio­nis­tIn­nen auf Er­folg ihres Vor­ha­bens. Unser Wi­der­stand gegen die Verfälscher der Ge­schich­te auf der Stra­ße ist ein Teil des Wi­der­stands gegen die Um­schrei­bung der deut­schen Ge­schich­te zu Guns­ten eines na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Welt­bil­des oder einer an­geb­lich geläuter­ten Na­ti­on! Die, die heute noch über die an­geb­lich grau­sa­men al­li­ier­ten Trup­pen kla­gen, müssen sich Fra­gen las­sen, was sie hin­sicht­lich mor­den­der, plündern­der und ver­ge­wal­ti­gen­der Deut­scher an­de­res von den Al­li­ier­ten er­war­tet hätten. In An­be­tracht des­sen, was die Na­zi­trup­pen übe­r­all in Eu­ro­pa an­ge­rich­tet haben, können die Deut­schen froh sein, dass die Re­ak­tio­nen ge­ra­de der so­wje­ti­schen Ar­me­en so milde aus­fie­len, denn sie kamen nicht als Be­frei­er der Deut­schen, son­dern als Be­frei­er Eu­ro­pas von den Deut­schen. Aber es gibt Licht­bli­cke gegen die Ge­schichts­ver­ges­sen­heit. Neben den zahl­rei­chen Men­schen, die sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gegen die Neo­na­zis in Dem­min stell­ten, ver­su­chen auch en­ga­gier­te His­to­ri­ker_in­nen mit ihren Mit­teln den My­thos um den „Mas­sen­sui­zid“ von Dem­min zu ent­zau­bern und leis­ten damit ihren Bei­trag gegen die „Opa war in Ord­nung“ – Men­ta­li­tät.

Zur Party? Zur Party!

Wir wer­den den Neo­na­zi­auf­marsch in Dem­min wie be­reits 2013 stören und nach Möglich­keit sogar blo­ckie­ren. Damit leis­ten wir am 8. Mai un­se­ren prak­ti­schen Bei­trag gegen die Lügen der Neo­na­zis und ver­su­chen ihrer Szene in MV einen wei­te­ren Schlag zu ver­set­zen, der sie ins Tau­meln bringt. Dabei wer­den wir nicht ver­ges­sen, dass die Neo­na­zis nur die sind, die ihre Ge­schichts­ver­ges­sen­heit am ra­di­kals­ten for­mu­lie­ren. Wir wer­den uns laut­stark gegen die Rein­wa­schung deut­scher Ge­schich­te und die damit ver­bun­de­ne Le­gi­ti­ma­ti­on neuer deut­scher Groß­machts­be­stre­bun­gen wen­den.

Auf nach Dem­min, Ge­schichts­re­vi­sio­nis­ten stop­pen!
Cадитесь пожалуйста!